Reiseskizzen Korsika 2022

Sieben Stunden auf See

Mit der Fähre zurück nach Genua

Die Fährfahrt zwischen Bastia und Genua. Weder sind die beiden Fährfahrten Anfang noch Ende der Reise, aber doch bilden sie eine wichtige Klammer und verleihen ihr einen Hauch von Expeditionscharakter. Sieben Stunden auf See, die uns eine sanfte Rückkehr ans europäische Festland ermöglichen.

Ein letztes petit déjeuner auf der Place Saint Nicolas. An unserem Kaffee nippend verfolgen wir das geschäftige Treiben im Hafen. Während wir uns die Croissantkrümel von der Kleidung schütteln, beginnt der Entladevorgang der gerade eingelaufenen Moby Zaza. Die deutsche Rucksacktouristin vom Nachbartisch bittet uns, auf ihr gesamtes Hab und Gut aufzupassen, während sie kurz austritt. Auch für uns wird es gleich Zeit, unser Hab und Gut vom Hotelzimmer aufzusammeln.

Es ist ein stiller Abschied, als wir die bereits gepackten, großen Rucksäcke schultern. Und es hat etwas merkwürdig Offizielles, die Fernbedienung zum kleinen Fernseher mit an die Rezeption bringen zu müssen, so wie wir sie gestern zusammen mit dem Schlüssel entgegennahmen. Als würde das Plastikteil mit abgegriffelten Gummiknöpfen dem Zimmer seinen eigentlichen Wert verleihen. Wie ein magisches Bauteil, ohne das die Übernachtung in den wenigen Quadratmetern nicht möglich wäre. Vorsichtig trage ich den heiligen Gral zurück zur Rezeption. Vielleicht ist diese Fernbedienung eine Metapher auf das Nutzungsrecht des Zimmers, ein Staffelstab.

Dieser Vormittag ist heiß, das Fährterminal aber bequem fußläufig zu erreichen. Es erinnert an die Eingangshalle eines winzigen Provinzflughafens. Das Terminal ist verschlafen. Jeder zweite Platz ist mit einem Hinweis versehen: "Bitte freilassen" steht darauf. In einem Akt unlauterer Rebellion verstoßen wir gegen diese Regel. Wir sind die einzigen Gäste. Eine Stunde noch bis zum Embarquement.

Keine Durchsage, keine Anzeige, keine Leute. Könnte ja sein, dass wir falsch sind. Gelangweilt unterhalten sich zwei Frauen hinter dem Schalter. Nur das Gemurmel ist zu hören. Die eine spielt demonstrativ mit ihren Fingernägeln. Irgendwann frage ich sie auf Französisch, ob hier das Boarding beginnt. "Ja, geht bald los, Geduld". Eine junge Frau betritt das Terminal. Augenscheinlich mit ihrer Mutter. Neues Setting: Keine Durchsage, keine Anzeige, dafür zwei Leute und wir und nur noch eine gelangweilte Frau am Schalter. Einige Sekunden lang durchdringt mich der Gedanke daran, unseren kraftvollen Protest gegen die Sitzplatzvereinzelung zu brechen. Der öffentlichen Ordnung wegen, wir sind nicht mehr allein.

Ich schaue auf die Uhr. Das Boarding hätte schon längst begonnen haben sollen. Die Mutter spricht uns auf Deutsch an. Ihre Tochter möchte auch nach Genua. Wir bieten ihr an, dass sie sich uns anschließen kann und sorgen damit für eine große Portion Erleichterung. Die Mutter bleibt mit dem Rest der Reisegruppe noch auf Korsika.

Sicherheitsmann und Sicherheitsfrau positionieren sich Sicherheit suggerierend an der Sicherheitsschleuse. Als wir uns auf sie zubewegen, wiegeln sie mit ernster Miene ab: Das Embarquement habe noch nicht begonnen. Wir warten. Eine Viertelstunde später werden wir herangewunken. Derselbe starre, ernste Blick. Wir sind immer noch die einzigen drei Gäste: Marie, Teresa und ich. Unser Gepäck wird durchleuchtet, Elektronik und Kleinkram aus den Hosentaschen kommt in extra Boxen, Tickets und Personalausweise werden penibel kontrolliert. Genau wie am Flughafen.

"Da hoch, das vorderste Bateau". Auf dem Seitenstreifen überholen wir über zwei Schiffslängen ein wartendes Auto nach dem nächsten. Sie stehen in mehreren Schlangen nebeneinander. Schließlich überqueren wir einen riesigen Zebrastreifen und laufen zielstrebig auf den Ordner zu. Von ihm bekommen wir auf Thermopapier gedruckte Tickets. Er schickt uns in den riesigen Schiffsbauch der Moby Zaza. Es ist dasselbe Boot, das uns bereits hergebracht hat. Wir kennen den Weg: enges Treppenhaus hinauf bis zum Deck 5, links durchs Restaurant, Treppe hoch. Deck 7, unser Lieblingsdeck. Wir stellen all unser Gepäck in eine Ecke, in der es niemanden stört.

Die letzten Blicke auf den Hafen von Bastia. Wir genießen sie. Langsam lichten sich auch die Schlangen der Autos, die in den Bauch der großen Fähre führen. Wir können den letzten LKW sehen. Die Ordner kleben an ihren Funkgeräten und gestikulieren wild. Wir wissen jetzt schon, dass wir nicht die ganze Fahrt über an unserem Lieblingsort an Bord verweilen werden. Es ist einfach zu heiß, der Körper kommt mit dem Schwitzen nicht hinterher. Dazu das viele, von den weiß lackierten Schiffswänden reflektierte Licht.

Mit Badetüchern stecken wir uns einen Bereich ab und unterhalten uns mit Marie. Sie kommt aus Süddeutschland und reist früher ab als ihre Familie. Ihr erstes Festival, das Southside, steht an. Es erwartet sie ein turbulentes, aber sicher anstrengendes Wochenende. Sie erzählt auch davon, wie das Boarding mit dem Camper ihrer Familie ausgesehen hat: vorfahren, Personalausweis und Tickets zeigen, an Bord gewunken werden. Klar, wenn man darüber nachdenkt, sind Kontrollen - erst recht Gepäckkontrollen - bei so vielen Autos gar nicht möglich. Aber warum dann der Aufwand für die ungefähr drei Passagiere, die zu Fuß an Bord kommen? Dass wir als Fußgänger in der Minderheit sind, ist uns natürlich schon auf dem Hinweg aufgefallen. Wir haben aber keinen großen Gedanken darauf verschwendet auch nur daran zu zweifeln, dass die Kontrollen bei den Fahrzeugen lascher aussehen oder ganz entfallen würden.

Es wird Zeit für den korsischen Weißwein. Er ist auf ideale 30 Grad temperiert und wir schütten ihn stilecht in die von uns mitgebrachten Kaffeebecher aus Pappe. Die oft geübte Choreografie des Schiffspersonals beginnt: Taue werden gelöst, während der Schiffsbauch verschlossen werden und die Seitenstrahlruder beginnen, das Hafenbecken zu durchquirlen. Alles gleichzeitig, hektisches Treiben. Der einzige, der sich davon komplett unbeeindruckt zeigt, ist der immer freundlich winkende Daffy Duck.

Des Öfteren haben wir uns am Alten Hafen aufgehalten. Während wir rückwärts aus dem Hafenbereich manövrieren, wirkt er von hier oben ganz anders. Der provokante Text auf der Außenseite der Hafenmauer schreit uns wieder an: "Corsica is not French". Bei der Ankunft als Ermahnung, nun als Botschaft für den Heimweg. Auf dass wir Korsika nicht als Frankreich in Erinnerung behalten. Wir wissen jetzt ein winziges Bisschen mehr, was das genau heißt.

Corsica is not French

Die Stadt, die dort an uns vorbeizieht, ist von einer Fassade zu einem Ort unserer persönlichen Geschichte geworden. Menschen haben Gesichter und Stimmen bekommen, die Gassen Gerüche und Klänge, wir wissen wie Brocciu zu Kastanienbier schmeckt. Die vage Vorstellung eines Ortes, der Korsika heißt, ist zu einer lebendigen Erinnerung geworden.

Das Meer hinter der Moby Zaza wird zu zwei kraftvollen, weiß-blauen Schaumstrudeln aufgewirbelt, die italienische Fahne weht wieder im Wind, der mittlerweile tropfende Schweiß beginnt langsam zu trocknen. An Deck kehrt Ruhe ein.

Die Küstenlandschaft streicht wie eine sanfte Brise an uns vorbei. Zeit genug, um sich behutsam von der schönen Insel zu verabschieden. Wir erkennen einige Landmarken wieder: Hier war das Dörfchen mit den vielen Bodenschwellen, da haben wir Pause gemacht, dort sind wir ins Hinterland eingebogen, um die Westküste des Cap Corse zu erreichen. An der Nordspitze der Insel erkennt man bereits die kleine, vorgelagerte Insel Giraglia mit dem markanten Leuchtturm. Auf der anderen Seite der Fähre hingegen, auf ihrer Steuerbordseite, wird eine größere Landmasse sichtbar. Wir müssen auf die Karte gucken, um sie zuordnen zu können. Es ist die italienische Insel Capraia. Auch sie ist per Fähre zu erreichen. Vielleicht lohnt sich ja mal dorthin eine Reise.

Blick auf die Nordspitze Korsikas

Marie hat es sich derweil an einer anderen Stelle auf dem Schiff gemütlich gemacht. Sicherlich werden wir sie nochmal wiedersehen. Die wenigen Schattenplätze an Deck der Moby Zaza sind begehrt. Oberhalb von Deck 7 versuchen sich schon seit einiger Zeit drei Mittvierziger daran, eine Dreiecksplane zu spannen. Bislang erfolglos. Aber sie geben sich hartnäckig.

Viele der Liegestühle in der prallen Sonne sind mittlerweile verwaist. Trotzdem lassen die Leute einen Rucksack oder eine Wasserflasche darauf liegen. Für alle Fälle. Eine dem Klischee nach deutsche Eigenart, die wohl dankend von anderen Nationalitäten übernommen wurde.

Ich nutze die Zeit für einen Rundgang an Deck. Es ist still und ruhig. Die meisten der Draußengebliebenen dösen so vor sich hin, starren in die Ferne oder vertreiben sich die Zeit mit einem guten Buch.

Teresa treibt es in den klimatisierten Restaurantbereich. Ich komme kurze Zeit später hinterher. Der laute Fernseher dominiert den Raum. Wir genehmigen uns ein Eis und ein kühles Getränk. Hier drin fläzen die Leute apathisch auf den Sesseln, Stühlen und Bänken. Einige davon schlafen von der Geräuschkulisse unbeeindruckt. Drinnen und draußen: zwei ganz verschiedene Welten. Langsam und grell glitzernd zieht das Meer am Bullauge vorbei. Hier und da wippt ein Segelboot auf dem Meer. Möglicherweise eine Regatta.

Ein Blick auf die Karte verrät, dass wir uns etwa in der Mitte befinden zwischen der nördlichsten Spitze Korsikas und Genua. Es ist nur so ein verschwindend kleiner Teil des Mittelmeers und doch brauchen wir satte sieben Stunden für dessen Durchquerung. Es gibt noch weit längere Strecken. Ich entdecke auf der Karte die Fährverbindung von Genua nach Tanger in Marokko. Sicher ist auch das bei weitem nicht die weitestmögliche Strecke. Dennoch sieht man dort wahrscheinlich den größten Teil der Reise nicht das geringste Anzeichen von Landmasse. Ganz im Gegenteil zu unserer Minifährfahrt. Eigentlich hat man in der Ferne immer in irgendeiner Richtung einen kleinen, blassen, ockerfarbenen Fleck, der den Horizont streift.

Als die Küste Liguriens von allen Seiten immer näherzukommen scheint, wissen wir, dass sich das Ende der Überfahrt ankündigt. Direkt vor uns, noch ganz winzig, dort muss Genua sein. Die gedämpfte Atmosphäre an Bord wird plötzlich unterbrochen und es macht sich Hektik breit. An Steuerbord: Delfine! Die Menschen pressen sich nun gegen die Brüstung, um einen Blick zu ergattern. Teresa gelingt auch ein kurzer Blick auf den flinken Meeressäuger. Und ganz schnell ist auch wieder alles vorbei.

Auch Marie finden wir in diesem Getümmel nun wieder und unterhalten uns eine ganze Weile mit ihr - über ihre Ausbildung und darüber, dass sie zum Busbahnhof muss, um den nächsten Flixbus zu bekommen. Unser Angebot, sie dorthin zu begleiten, nimmt sie gerne an.

Die Küste kommt immer näher und scheint immer deutlicher und kontrastreicher durch die milchig-blau Meeresluft. Sie ist von schier endlosen Stränden gesäumt. Dahinter das blasse Grün des Umlandes und die Häuser der Metropolregion Genuas. Auch immer mehr Boote sind zu sehen: Mal kleine Schnellboote, mal Segelboote oder ein gepanzertes Schnellboot der Guardia di Finanza, die mitunter auch Aufgaben des Grenzschutzes übernimmt.

Die Man of Steel liegt offenbar auf Wartung oder Ausbau wartend im Hafen. Sie gehört dem kanadischen Stahlrohrmagnaten Barry Zekelman. Der Name Seven Seas gefällt mir irgendwie besser. So hieß die Jacht noch vor kurzem, als sie Steven Spielberg gehörte. Auch wenn Man of Steel fast schon naheliegend ist, ist sie das vielleicht harmloseste Beispiel für die Männerigkeit, die die meisten Jachten hier ausstrahlen. Erschreckend viele mit gar Frauen degradierenden Namen.

Ein Stück weiter schon sind die zu wartenden Schiffe eine Nummer größer: Fähren und Kreuzfahrtschiffe. Mit der Größe des Schiffs sinkt auch die Schaudrigkeit der Namen. Würde sich sicherlich auch nicht so gut verkaufen. Stattdessen Fantasienamen oder solche, die Abenteuerlust und Größe ausstrahlen, wie die Regal Princess oder auch die Seabourn Venture. Sie ist sogar für Luxusfahrten durch das arktische und antarktische Eis gerüstet. An Backbord lassen die gewaltigen Krankonstruktionen des Containerhafens unsere Moby Zaza wie ein Spielzeug aussehen. Schließlich trennt uns nur noch das markante Gebäude des Porto Antico vom Einlaufen in den Platz der Moby-Reederei.

Eine schwere, graue Glocke liegt hier über dem Hafenbecken. Überall pusten die Schlote der riesigen Schiffe die dichten, grau-schwarzen Wolken aus Abgasen und Ruß in die Luft. Die Superriesen liegen mit laufenden Maschinen bereit für die Abfahrt im Hafen. Der Rauch ist allgegenwärtig. Drumherum die gewaltigen Hafenkonstruktionen und die noch gewaltigeren, steilen Felswände des Apennin, in die die Stadt gebaut ist.

Während wir das Schiff über eine Gangway verlassen, beginnt das gleißende Weiß der Sonne milder zu werden. Das kommt ganz gelegen, jetzt wo der kühlende Fahrtwind ausbleibt. Benvenuti in Italia! Wir fühlen uns wirklich willkommen.

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