10000 Schritte, sieben. Augenblicke.

sieben.10

Flackernde Luft und Pappelsamen.

Ostkreuz S+U Lichtenberg Lichtenberg Lichtenberg Modersohnbrücke, Friedrichshain Modersohnbrücke, Friedrichshain Modersohnbrücke, Friedrichshain

Als ich an diesem Sonntagabend das Haus verlasse, treibt es mich zum stadtauswärts in Richtung Lichtenberg. Dieser Frühling im Jahr 2024 ist außerordentlich warm und sonnig. Auch heute scheint die Sonne grell, wirft harte Schatten. Gespräche über das Wetter überall. Manchmal Freude, manchmal Stöhnen. Das Wetter polarisiert schnell in Berlin, wenn's keine anderen Aufreger gibt. Heute ist es eben die Hitze.

Ich nehme die S-Bahn nach Lichtenberg. Wilde Mischung aus Flip-Flops und zu dicker Kleidung. Typisch für die Jahreszeit, aber untypisch in einer so lang anhaltenden Gutwetterphase. Die meisten Menschen verlassen die Bahn und verteilen sich rasch in verschiedene Richtungen. Genauso viele strömen hinein. Der typische, kurze Augenblick der Wuseligkeit kurz vorm "Zurückbleiben, bitte!". Den Imbiss am Bahnsteig riecht man noch in der Menschentraube. Es riecht nach Bouletten.

Im Durchgang zur U-Bahn ist es schattig und nur unmerklich kühler. Das zurückgelassene Paar schwarzer, schwerer Schuhe wirkt deplatziert. Die Vorgeschichte interessiert mich.

Als ich den Bahnhof zum nordwestlichen Eingang verlasse, muss ich die Augen zukneifen. Es ist grell. Die Geräuschkulisse begrüßt mich, bevor ich etwas richtig sehen kann. Sie besteht aus Gemurmel, lauten Unterhaltungen in den verschiedensten Sprachen und einem Durcheinander an Musik. Unzählige Spätis und Imbisse kesseln den Eingang ein. Eine Frau sticht heraus. Sie torkelt ziellos umher. Lauter Techno begleitet sie in Form eines mitgebrachten Lautsprechers. Sie pöbelt Passanten an, willkürlich. Was sie sagt, verstehe ich nicht. Sie ist offensichtlich in ihrer eigenen Welt - sie gegen die anderen. Niemand stört sich an ihr, sie ist ein weiterer bunter Farbklecks in diesem multimedialen Gemälde. Sie trägt Schuhe. Einige Minuten später zieht sie mit technountermaltem Schreien in eine Seitenstraße. Wie das letzte Grollen eines vorbeigezogenen Sommergewitters.

Jenseits dieses Schmelztiegels bewegt sich auf der Straße mehr als auf den Gehwegen. Die Luft flackert nervös über dem aufgeheizten Asphalt der viel befahrenen Frankfurter Allee. Pappelsamen tränken die Luft. Es dauert sicher nicht lange, da werden sich Verwehungen an den Bordsteinen bilden. Dann ähneln sie flauschigem Schnee, der sich einfach in der Jahreszeit vertan hat.

Ich beschließe spontan, von hier aus die Modersohnbrücke anzupeilen. Zu Fuß über's Ostkreuz, dann ist man fast da. Als ich ankomme, steht die Sonne mittlerweile nah am Horizont. Die Luft kühlt allmählich ab, Straßen und Hausfassaden geben jetzt ihre Wärme ab. Auch die Sonne flackert nun in der Abendluft. Je kühler die Luft, desto wärmer wird das Licht.

Unzählige Menschen sitzen am Rand der stählernen Brückenkonstruktion. Es liegt ein schwerer, krautiger Geruch in der Luft. Schon lange liegt das Großstadtpanorama hier hinter dem rechteckigen Muster des Bauzauns. Mal ist es löchrig, mal beklebt oder behangen. Aber im Großen und Ganzen rechteckig. Der Bauzaun gehört dazu, fällt kaum mehr auf. Und trotzdem: Schöner wär's ohne. Die Stimmung ist sommerlich entspannt, die Gemüter kühler als tagsüber in der S-Bahn. Hier ist es eigentlich immer entspannt. Unermüdlich rauschen die Bahnen ratternd unter dieser urbanen Freiluftbühne durch und verschlucken gelegentlich die geselligen Gespräche.

Hi! 👋

Ich bin Mathias und ich freue mich, dass du da bist!

Gefällt oder gefällt dir nicht, was du hier liest? Hast du Tipps oder Fragen?

Dann schreib mir doch gern bei Instagram, per Mail oder bleib mit dem RSS-Feed auf dem Laufenden:

sieben.9