Reiseskizzen Korsika 2022

Bei den Rotmilanen von Calacuccia

Wir wollten Überraschung, wir bekamen sie. Den Tag verbuchen wir als Tag der Gegensätze und Überraschungen. Vielleicht sogar der Aufs und Abs. Und das ist auch gut so.

Der kühlende Wind weht uns wieder um die Nase, die Frühnachmittagssonne glüht durch das offene Verdeck. Gut eingecremt und mit Mützen auf dem Kopf macht uns das nichts aus. Im Gegenteil, zu verlockend ist das berauschende Gefühl: Mit offenem Verdeck durch die bezaubernde Landschaft zu fahren. Wie einfach wir doch zu manipulieren sind. Sehen, was man sehen möchte. Spüren, was man spüren möchte. Hören, was man hören möchte. Unter das ständige Rauschen des Fahrtwindes mischt sich der warme Klang eines E-Pianos. Die hauchende Stimme Sophie Barkers setzt ein. Unsere Playlist spielt gerade "In the Waiting Line" von Zero 7. Für mich der Inbegriff des Soundtracks für einen verträumten Sommertag. Und das, obwohl der Song rein gar nichts mit Sommer am Hut hat. Rechts unter uns glitzern wieder die Wellen im azurblauen Meer. Wir sind weiterhin südwärts unterwegs. Diesmal entlang der sanfteren Kurven der Küstenstraße D81. Links zieht langsam ein Fels vorbei. Gut sichtbar in kräftigem Rot strahlt uns darauf ein Herz entgegen. Darunter: "À Massimu". Dieser Tag ist jetzt schon ein Tag der Kontraste und eine unwahrscheinlich wertvolle Erfahrung. Kurz danach fahre ich rechts ran und saugnapfe die GoPro auf die Motorhaube. Wir wollten schon die letzten Tage immer mal eine Zeitrafferaufnahme auf den kurvigen Straßen machen. Jetzt ist eine der letzten Gelegenheiten. Bald werden wir die Küstenstraße verlassen und immer tiefer ins Inland fahren. Einige Kilometer weiter befinden wir uns auf der kerzengeraden Durchfahrtstraße unseres letzten Westküstenörtchens auf dieser Reise: Sagone. Am Ende der Straße ein Kreisverkehr: Die erste Ausfahrt führt nach Ajaccio, die zweite nehmen wir - sie zeigt in Richtung Vico. Bald schon hat die Straße eine kaum sichtbare, aber merkliche Steigung. Direkt vor uns türmen sich imposant die korsischen Berge auf. Ein klein wenig erinnert mich das an unsere Fahrt von Sugdidi nach Mestia in Georgien. Der fünfte Gang ist hier kaum zu gebrauchen. Je weiter wir uns ins Inland vorarbeiten, desto mehr hat unsere kleine weiße Knutschkugel zu schnaufen. Mittlerweile sind wir größtenteils im dritten Gang unterwegs. Eine ganze Weile lang fahren wir durch kurze Waldstücke und kleine Dörfchen. Der Schatten der Bäume unterbricht ständig das weiße Glühen der Sonne. Eine Kurve nach der anderen und ein Gangwechsel zwischen zweitem und dritten nach dem anderen kommen wir Stück um Stück vorwärts. An einer Kreuzung zeigen die Schilder in Richtung Évisa. Aus dieser Straße kamen wir vorgestern auf dem Weg zum Lac de Nino. Es ist gleichzeitig der höchste Punkt der heutigen Etappe. Ab hier geht es größtenteils nur noch bergab. Eigentlich sollte uns die Straße bekannt vorkommen. Aber irgendwie können wir uns an nichts davon erinnern.

Ostwärts in den "Wilden Westen"

Von den vielen Licht-Schattenwechseln werde ich müde. Wir stoppen in einer Haltebucht in einem Waldstück. Als wir schon stehen, kommt uns ein riesiger, knallroter Bus mit Passauer Kennzeichen entgegen. Auch er macht Halt. Der vordere Teil sieht aus wie ein gewöhnlicher Reisebus, der hintere Teil erinnert an einen mehrstöckigen Wohncontainer mit kleinen Fenstern. "Rotel-Tours" steht in mannshohen Buchstaben an der Seite: "Das Rollende Hotel". Die Rotelgäste, größtenteils Rentner und solche, die es bald werden wollen, vertreten sich die Beine. Ich entsaugnapfe die GoPro, esse eine Zitronenmadelaine. Bald darauf sind Teresa und ich wieder startklar. Kurve um Kurve lassen wir uns durch die Waldgegend rollen. Ab und zu überholen wir Radfahrer, einige Autos kommen uns die Kurven gefährlich schneidend entgegen. Ich lenke das Reisemobil mittlerweile sehr vorsichtig. Schließlich erkennen wir wieder einige markante Punkte von vorgestern - rechterhand dann der Parkplatz. "Rundweg, 3h30". Resignierend und fast lautlos mumpel ich in mich hinein. Je näher wir allmählich dem Meeresspiegel kommen, desto mehr lichtet sich der Wald. Es ist plötzlich steppenartig, das Gefälle wird weniger steil. Hier und da staubig-dunkelgrüne Kleckse aus Vegetation. Hier unten dominiert sandgelb und eben jene Farbkleckse. Weiter oben felsgrau mit scharfer Kante zum hellblauen, wolkenlosen Himmel. Die Straße schlengelt sich vor uns durch den zerklüfteten Talkessel. Albertacce ist ein Dörfchen mit knapp 200 Einwohnern. Kurz hinter dem Ortsschild wird klar, dass der Ort wie ein verschlafenes Nest wirkt. Aber auf eine fast kitschige Art. So stelle ich mir einen sizilianischen Western vor. Die einfachen in die Jahre gekommenen Häuser reihen sich perlenkettenartig der Straße folgend aneinander. Ab und zu fehlt eine Perle. Die Straße ist frisch gemacht. Mehr als das gibt es hier nicht. Und doch ist es sehr schön. Ein längeres Stück der Straße ist kerzengerade, macht dann eine sanfte Links-Rechts-Biegung und wird dann wieder gerade. Am Ende der Schikane liegt der kleine Dorfplatz mit einer niedlich-dörflichen Kirche. Urig-gemütlich irgendwie. Das Hotel A Sant'Anna ist eines der letzten Gebäude der Siedlung. Irgendwie ist Albertacce ein weiterer der Orte, in dem ich mir ein Leben auf die ruhigen alten Tage vorstellen könnte. Bei Espresso oder Rotwein in einem Schaukelstuhl wippend und mit misstrauischem Blick die Durchreisenden musternd.

Calacuccia

Ein wenig schade finde ich es, dass wir in Albertacce nicht wenigstens kurz gehalten haben. Aber wir haben ja noch etwas Strecke hinter uns zu bringen. Kurz darauf das nächste Ortsschild. Calacuccia ist ein weiteres 200-Seelendorf. Der Ort ist wie ein Mix aus ländlicher Kleinststadt und einst vergessener Oase im Nichts. Hier rührt sich weit und breit nichts. Die Häuser sind intakt, es stehen hier und dort Autos, aber das war's auch schon an Hinweisen, die auf menschliches Leben hindeuten. Zwischen Albertacce und Calacuccia wird das Flüsschen Golo zu einem beachtlichen Stausee. In einigen hundert Metern Entfernung ist der Lac de Calacuccia die einzige natürliche Begrenzung Calacuccias rechterhand der Straße. Während Albertacce sich eng an die Straße schmiegt, ist Calacuccia das komplette Gegenteil. Der Ort fläzt sich eher in die Breite, die trockenen Gärten und Brachflächen sind großzügig, hier gibt es einen Campingplatz. Vor uns schließlich in einer Biegung ein staubiger Parkplatz. Eine Einladung. Wieder dieses Westernfeeling, aber deutlich stärker und ländlicher als zuvor. Als wir aussteigen, brennt die Sonne immer noch unermüdlich wie ein viel zu grell eingestelltes Studiolicht. Es weht ein heißer Wind, der die Schweißperlen auf der Haut schnell trocknet. Nun fehlt nur noch das Tumbleweed zur perfekten Illusion. Diese rollenden, trockenen Sträucher, wie man sie zumeist aus Filmen kennt. Die Straße einige Meter weiter in Richtung Corte liegt ein kleines Restaurant. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine kleiner Bereich mit Wellblechdach. Es ist auch hier nichts los. Die Stühle aus Rattanimitat bleiben leer. Ich find's einladend, Teresa weniger.

Große Vogelsilhouetten zeichnen sich vom strahlenden, staubigen Boden ab. Einige wenige Meter über unseren Köpfen ziehen drei Rotmilane lautlos ihre Kreise. Ohne, dass sie auch nur einen einzigen Flügelschlag nötig hätten. Ich stelle mir einen kitschigen B-Western vor. Mit Brigitte Bardot und Serge Gainsbourg in den Hauptrollen. Gainsbourg nimmt Rache an der rücksichtslosen Banditentruppe, die das Dorf seit Wochen terrorisiert. Tag um Tag erlangt das Dorf seine alte Freiheit zurück und Gainsbourg verbringt die Abende vor sich hersingend am Lagerfeuer. Die Kellnerin des nahegelegenen Restaurants mit den Rattansitzen, gespielt von BB, verfällt nach und nach seinem Charme und lauscht heimlich. Dann noch was mit Kindern und See und so. Und ein Schnitt auf die Totale über See und Tal aus der Vogelperspektive. Es wäre ein Film, der nur bei Cineasten Beachtung für die prominente Besetzung erhielte und bei Musikliebhabern für die gesungenen Passagen. Sonst verschwände er in der Bedeutungslosigkeit ihrer ellenlangen Filmografie: "Bei den Rotmilanen von Calacuccia". Wir gehen einige Meter zurück in die Richtung, aus der wir hergefahren sind. Das Ziel ist es, einen besseren Blick auf den See zu bekommen. Ein paar Momente lang genießen wir die Stille an dem offenen, verwilderten Garten des nebenstehenden Hauses. Wenn ich mir Mühe gebe, höre ich durch die Stille hindurch vielleicht irgendwo in der Ferne eine tiefe Stimme "La chanson de Prévert" anstimmen.

Als wir losfahren, wirbeln wir eine beachtliche Staubwolke auf. Wir folgen dem Schild in Richtung Corte. Es sind nur noch 28 Kilometer. Das Straßenbild ändert sich abrupt, während wir am Umspannwerk in Flussnähe vorbeifahren. Irgendwie mag ich die Ästhetik solcher sich in die Landschaft einfügenden Industriebauten. Aber ich verkneife mir das Anhalten. Die Straße schlängelt sich ab hier dicht entlang des steinigen Flussbetts des Golo. Es ist eine enge, steile Schlucht. Rechterhand ist der Straßenrand befestigt oder von einer kleinen, alten Mauer begrenzt. An vielen Stellen wird es eng. Den Korsen kann es nicht schnell genug gehen. Beides kennen wir schon. Aber wo kommen die eigentlich plötzlich her? Wir nutzen ein oder zweimal die Haltebucht, um Platz zu machen. Und dann auch mal zum Fotografieren. Aber es fällt schwer, die Schönheit auf das Bild zu bekommen. Es dauert noch einige Serpentinen, bis wir scharf nach rechts abbiegen und dann wieder an Höhenmetern gewinnen. Zieleinfahrt in Richtung Corte. Uns kommt ein sehr betagter Herr entgegengejoggt. Nackter Oberkörper, enge Sporthose, braun gebrannt. Und das in der prallen Sonne. Beachtlich! Teresa beginnt damit, genauer zu schauen, wo wir eigentlich hin müssen. Klar ist, dass wir direkt im Zentrum wohnen. Die Parkplatzsituation ist recht komfortabel: In der Nähe der Unterkunft befindet sich das bekannte Parkhaus "Parking Tuffelli" mit tagsüber etwas fragwürdigen Preisen. Heute am Sonntag sollten wir aber locker gratis parken können.

Wir stellen das Auto im Schatten der Tiefgarage ab und schultern das nötigste Gepäck. Drei Autos weiter knutscht ein Pärchen. Sie scheinen sich zu verabschieden. Obwohl auf der tiefsten Ebene des Parkhauses, haben wir ein paar Schwierigkeiten den Fußgängerausgang zu finden. Dieser Teil von Corte wirkt gedrungen und eng, sehr steil und ein wenig vergessen. Noch einige Meter steil die Straße bergauf und schon stehen wir vor einem alten, fünfstöckigen Wohngebäude. Das Treppenhaus fügt sich gut in diese Atmosphäre ein. Wir müssen in die vierte, die oberste, Etage. Hört sich nach wenig an, aber die Etagen sind unglaublich hoch und die ausgetretenen Treppenstufen sehr flach. Die Farbe blättert von den Wänden, das Geländer ist wackelig, die Kabel hängen frei, auf den Zwischenetagen liegt Gerümpel, die Fenster stehen größtenteils offen oder sind gar nicht erst vorhanden. Eine besondere Art von Altbaucharme, die fast sozialistisch wirkt. Irgendwie vergessen eben. Oben dann eine geräumige Wohnung, der man den unfertigen Zustand der Renovierung ansieht. Improvisiert und mit Baustellencharakter, aber wir brauchen nicht viel. Und davon ist alles da. Wir sind angekommen im Herzen Korsikas.

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